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Vorbemerkung

Der folgende Text entstammt meinem Manuskript „Alchemie, Astrologie und Mythologie“, - einem Buch, das bisher noch nicht publiziert wurde. Der Text entstand unter anderem auch durch die Begegnung mit einem Alchemisten. Der Begriff „Rubedo“, der gelegentlich im Text auftaucht, bezeichnet das Ziel der alchemistischen Arbeit. Wer sich für Alchemie interessiert, findet mehr dazu auf www.allesgesunde.de, auf www.soluna.de und hier auf meiner Webseite unter „Coaching“ und dann unter „Alchemie“. Ich wünsche angenehme Lektüre. 

EIN PORTRAIT DER VENUS

ETYMOLOGISCHES UND MYTHOLOGISCHES ZUR VENUS

Venus, die Göttin der Liebe und der Schönheit heißt im Mythos Aphrodite, gesprochen "Afrothiti", mit Betonung der dritten Silbe. Das th wird wie im Englischen "the" als Hauchlaut mit der Zunge an den oberen Schneidezähnen gesprochen. Aphros bedeutet "Meerschaum", thiti bedeutet "geboren aus".

Aphrodite, die Göttin der Liebe und Schönheit, ist eine Ausstrahlung oder Emmanation des schöpferischen Himmelsgottes Uranos. Beim Tod des Uranos, der von seinem Sohn Kronos (Zeit) mit einer Sichel aus Feuerstein kastriert wird, entstehen sieben neue Gottheiten, die drei Erinnyen, die drei Meliai und Aphrodite, die Göttin der Liebe und Schönheit. Diese Göttinnen sind natürlich lauter Erscheinungsformen des Uranos. Sie alle symbolisieren, wie man mit dem Uranos, dem Schöpferischen und dem Himmlischen, verbunden bleiben kann, nach dem die Welt unter die Herrschaft des Kronos geraten ist. Die Meliai und Erinnyen zu verstehen, hilft uns, auch deren Schwester Aphrodite zu begreifen. Die sieben Ausstrahlungen des Uranos garantieren gemeinsam, dass das Schöpferische aktiv bleibt, nach dem dessen Schöpfung unter die Herrschaft des Kronos geraten ist.

Wo das Blut des Uranos zur Erde fällt, entstehen die drei Furien oder Erinnyen. Die Erinnyen sind Rachegöttinnen. Sie bestrafen Vatermörder und Eidbrüchige indem sie die Täter in den Wahnsinn treiben. Erinis bedeutet „den Geist stören“. Bei „Rachegöttinnen“ denken wir nicht unbedingt an etwas besonders Erfreuliches. Aber es handelt sich dennoch um ein ganz positives Symbol. Versuchen wir zu verstehen, welche Bedeutung die Furien oder Erinnyen haben. Dass die Erinnyen Vatermörder bestrafen, ist nur logisch, genauer mythologisch. Sind sie doch entstanden, als Kronos seinen Vater Uranos ermordet hat. Aber warum bestrafen sie auch die Eidbrüchigen?

Uranos kommt von sanskrit varuna-h, dem indoarischen Gott Varuna. Varuna, der indoarische Vorläufer des Uranos, ist der „Gott des Nachthimmels" und der "Gott der Eide". Ein Eid ist eine feierliche Wahrheitsversicherung unter Anrufung Gottes.
Die Indoarier haben, wenn sie einen Eid schworen, also vermutlich den „Gott des Nachthimmels“ angerufen, weil der auch der „Gott der Eide“ war. Der gemeinsame Nenner ist wohl, dass die Sterne auf Reisen, wie ein echter Eid im sozialen Bereich, eine verlässliche Orientierung bieten. Solange wir wahrhaftig und unserem Ursprung (Uranos) treu bleiben, lassen uns die Erinyen in Ruhe. Wenn nicht, beginnen sie unseren Geist zu stören. Sie stehen also eigentlich für unsere Integrität, für die Wahrheit und Ursprünglichkeit unserer Individualität.

Das zweite Trio von Göttinnen, durch die der Uranos weiter wirkt, sind die Eschennymphen oder Meliai. Auch die Meliai entstehen dort, wo das Blut des Uranos zur Erde fällt. Miliades bedeutet „frei laufende kleine Tiere, Ziegen, Schafe”. Milon bedeutet „Baumobst, Zitronen, Äpfel, Pfirsiche” und Mila „die Brüste junger Mädchen”. Es geht also um das Leben, das Wachstum und die Fruchtbarkeit im Reich der Tiere, Pflanzen und Menschen und die Symbolik hat auch erotische Aspekte. Die Meliai sind offensichtlich Natur-, Wachstums- und Fruchtbarkeitsgottheiten. Die schnell wachsenden Eschen wurden beim Fruchtbarkeitszauber verwendet, das erklärt, weshalb man die Meliai auch Eschennymphen nennt. Die Wirkung des schöpferischen Uranos kommt nach diesem Bild in der lebendigen Natur zur Entfaltung. Ohne das Schöpferische gibt es keine Schöpfung und keine Natur.

Der Penis des Uranos wird von Kronos ins Meer geworfen. Aus dem Schaum, der dort aus Blut, Samen und Meerwasser entsteht, wird Aphrodite geboren. Ihr Name bedeutet „aus Meerschaum geboren“. Aphrodite ist die Göttin der Liebe und der Schönheit. Sie ist sicherlich die schönste und bedeutendste der sieben weiblichen, göttlichen Erscheinungsformen des Uranos. Nach dem Mythos trägt sie einen magischen Gürtel, mit dem sie jeden Menschen und auch die Götter in ihren Bann ziehen kann. Liebe und Schönheit sind danach die wichtigsten und mächtigsten Ausstrahlungen des Uranos. Die Erfahrung, dass die Liebe die bedeutendste und machtvollste Erscheinung des Himmlischen und Schöpferischen ist, spiegelt sich in vielen Mythen und Religionen. Je nach dem kulturellen Unfeld verwandeln sich die Bilder für diese Erfahrung unter Umständen ganz erheblich.

Aphrodite tritt unverhüllt in aller Schönheit als Göttin der erotischen Liebe in Erscheinung. Die ägyptische Göttin Isis überwindet durch Mitgefühl, Liebe, Friedfertigkeit und Treue den Tod. Sie erweckt ihren Gatten Osiris zum Leben, der durch seinen Widersacher Seth ermordet und zerstückelt wurde. Sie bittet den gemeinsamen Sohn Horus, der Osiris rächen will, das Leben des Seth zu schonen. Der Sänger Orpheus überwindet die Schwelle zur Unterwelt. Er geht in das Reich der Toten, um seine Geliebte Euridike in das Leben zurück zu holen, und scheitert erst im letzen Moment. Christus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, überwindet die Hölle und den Tod. Die mythologischen Bilder wandeln sich, aber die überragende und zentrale Bedeutung der Liebe bleibt.

Auch die moderne Hirnforschung stellt fest, dass die Liebe sehr machtvolle Wirkungen hat. Man gab in einem Experiment Menschen, die verliebt waren, ein Foto des Geliebten zur Ansicht und legte sie in einen Kernspintomografen. Dieses Gerät macht sichtbar, welche Teile des Gehirns aktiviert und welche deaktiviert sind. Hier die Ergebnisse:

Aktiviert wurden die Hirnbereiche, die beim Erkennen von Gefühlen, bei der Integration von sinnlichen Eindrücken und bei sexueller Erregung aktiv sind. Deaktiviert wurden dagegen die Zonen im Gehirn, die bei Emotionen wie Angst, Trauer, Depression und Aggression, und bei der kritischen Bewertung anderer Menschen nach konventionellen Kriterien aktiv sind. Das Experiment wurde mit Müttern wiederholt, die Bilder ihrer Kinder betrachteten. Auch hier wurden die Bereiche deaktiviert, die bei Angst, Trauer, Depression und Aggression, sowie bei der kritischen Bewertung anderer Menschen aktiv sind.

Angst, Trauer und Depression und die kritische Bewertung anderer Menschen und von einem selbst nach den Kriterien der Konvention, z.B.: - “sowas tut man nicht!”, werden in der Astrologie durchweg dem Saturn, also dem mythischen Kronos, zugeordnet. Der Planet Saturn wurde schon in der Antike mit dem Titanen Kronos assoziiert. Die Liebe, die Göttin Aphrodite, überwindet also die Wirkungen des Kronos nach der Sicht des Mythos, wie 3.500 Jahre später auch nach der Sicht der modernen Hirnforschung. Ist das nicht wunderschön? Und die Qualitäten Integrität, Fruchtbarkeit, Natürlichkeit und Erotik, die durch ihre Schwestern, die Erinyen und die Meliai symbolisiert werden, sind natürlich ebenfalls hilfreich, wenn es darum geht, die blockierenden Wirkungen des Kronos zu überwinden und ein freies schöpferisches Individuum (Uranos) zu bleiben oder zu werden.

Die Liebe, also Aphrodite, ist wie der Volksmund sagt, „eine Himmelsmacht“, - Uranos bedeutet im Altgriechischen „Himmel“, und Aphrodite ist ja dessen Ausstrahlung, Emmanation und Aktivität. Und zugleich ist sie eine Erscheinung des Grenzenlosen, das schon vor Beginn der Schöpfung existierte. Denn Aphrodite entsteht aus dem Schaum, der sich aus dem Blut des Uranos und dem Wasser des Meeres dort bildet, wo das Genital des Uranos ins Meer geworfen wird. Und das Meer ist im vorzeitlichen Bild des mythologischen Okeanos das Grenzenlose, aus dem dann Alles entsteht. 

Aphrodite reitet auf einer Muschel ans Ufer und nimmt ihren Wohnsitz auf Zypern. Ihre Begleittiere sind Tauben und Sperlinge, sie liebt Rosen und Myrrhe (ein Aphrodisiakum der Antike) und sie trägt einen Gürtel, mit dessen Zauberkräften sie jeden Menschen und jeden Gott in den Zustand leidenschaftlicher Liebe versetzen kann. Sie wird von Zeus mit dem Schmied der Götter, Hephaistos verheiratet. Aber der Vater ihrer Kinder Eros (Leidenschaft), Harmonia (Harmonie) und Phobos (Furcht) ist der Kriegsgott Ares. Aus einer Affäre mit dem Götterboten Hermes entsteht der zweigeschlechtliche Hermaphrodit. Aus einer Beziehung zu Dionysos, dem Gott des Rausches, entsteht Priapos, der mit seinen riesigen Geschlechtsteilen als der Gott der Fruchtbarkeit, der Pflanzenwelt und der sexuellen Begierde gilt.

Es heißt, dass Aphrodites Lieblingsbeschäftigung darin besteht, Götter und Menschen in ihrem Netz der Liebe zu fangen und in leidenschaftliche Beziehungen zueinander zu verstricken. Aphrodite beschützt die Liebenden und die Liebe.

Als Emanation des Uranos, der die Schicksalsgöttinnen sagten, sie hätte nur eine Aufgabe zu lieben, und sonst keinerlei Pflichten, überschreitet sie die Grenzen des Irdischen und verweist letztlich auf das Grenzenlose, aus dem sie hervorging. Dass selbst eine so mächtige Göttin wie Aphrodite den drei Schicksalsgöttinnen zu gehorchen hat, erinnert an indische Denkweisen. Auch dort existiert die Idee, dass selbst die Götter ein Schicksal, ein Karma zu erfüllen haben. Dass auch die Götter ein Karma zu erfüllen haben, könnte also eine Idee der Indoarier sein, die den olympischen Kult mit geformt haben. Aber vielleicht zeigt sich hier auch der Einfluss der matriarchalen Kulte, die den olympischen Kult ebenfalls mit geformt haben. Sind doch die drei Schicksalsgöttinnen eine der vielen Erscheinungsformen der matriarchalen, dreifältigen Mondgöttin.

Die Schönheit und die Liebe unterliegen beide Gesetzen, die sich der menschlichen Kontrolle letztlich entziehen. Dass ein Kunstwerk oder eine Liebesbeziehung gelingt, lässt sich nicht erzwingen. Zugleich sind Liebe und Schönheit von großer Wirkung auch den Menschen. So wurden Liebe und Schönheit in vielen Kulturen als etwas Göttliches verstanden, oder sie galten zumindest als Erscheinung des Göttlichen oder des Transzendenten.
 

VENUS AUS META-ASTROLOGISCHER SICHT

Das meta-astrologischen Planetenbild der Venus ergibt als wesentlichste Aussage:

Die Venus bündelt (heilende) Energien, führt sie dem Schöpferischen zu und bringt sie nach dessen Gesetzen zur Wirkung.

Dem entspricht, dass Venus (Aphrodite) als Ausstrahlung des Schöpferischen (Uranos) ja nach dessen Gesetzen wirken muss! Unsere menschliche Erfahrung zeigt, dass Liebe und Schönheit unsere Kreativität energisch anregen und dass alles, was uns als schön und liebenswert erscheint, unsere Energien bündelt und lenkt. Es gibt auch eine organische Entsprechung dazu, nämlich dass die Nieren, die der Venus zugeordnet werden, als Speicher der Lebensenergie gelten.

Im Weiteren finden wir, dass die Venus die Lebensenergie steigert, Verhärtetes und Trennendes auflöst und verjüngend und harmonisierend wirkt. Die Venus löst alles Trennende auf und verbindet das Vereinzelte mit dem Grenzenlosen. Sie öffnet einen Weg in den Urzustand vor der Schöpfung, siehe Chaos, Eros und Okeanos im Kapitel „Der Schöpfungsmythos“. Dass die Göttin der Liebe und der Schönheit dabei auch die trennenden Tendenzen im Intellekt „über die Klinge springen lässt“ und auflöst, - was manchmal ganz erhebliche Verwirrung auslösen kann, ist eine allgemeine menschliche Erfahrung.

Sie mögen überrascht sein, aber Liebe ist kein Gefühl. Im Seelischen symbolisiert die Venus aus meta-astrologischer Sicht eher ein „Meta-Gefühl“, also ein Gefühl, das andere Gefühle seelisch erst richtig erkennbar macht. Es handelt sich um eine seelische Dynamik, durch die sich unsere Emotionen aus sich selbst, durch sich selbst hinzu einer anderen Stufe ihrer selbst entwickeln. Die Venus löst also eine Art Transformationsprozess im Seelischen aus. Was unserer Erfahrung entspricht und inzwischen auch durch die Hirnforschung belegt wurde, Zitat: „Aktiviert wurden die Hirnbereiche, die beim Erkennen von Gefühlen, ...aktiv sind.“. Darüber hinaus entgrenzt die Venus das Bewusstsein. Sie öffnet das Bewusstsein über die Grenzen des Subjekts hinaus für die Wirklichkeit anderer Wesen, für das Schöpferische und den Urzustand. Sie hebt die Angst und die damit verbundenen kompensatorischen Schutzmechanismen des Intellekts und der Vernunft auf. Was ebenfalls durch die Hirnforschung belegt wurde, Zitat: „Deaktiviert wurden dagegen die Zonen im Gehirn, die bei Emotionen wie Angst, ...aktiv sind.“

Einige Astrologen sagen, dass die Venus die höheren Ebenen des Denkens symbolisiert, nicht etwa nur in der Kunst, sondern z.B. auch in der Mathematik. Bleibt man womöglich, solange man lieblos und ohne Sinn für Schönheit denkt, ein Idiot? Jedenfalls aktiviert die Venus kreative, assoziative und bildschöpferische, geistige Prozesse. In letzter Konsequenz und das ist ihre Essenz, gibt uns die Venus die Chance, das Schöpferische und den grenzenlosen Urzustand zu erfahren und zu „begreifen“. Wobei Begreifen Ergriffenheit bedeuten kann. Die Venus, die Göttin der Schönheit und der Liebe, ist geistig gesehen eine Mystikerin und sie wirklich zu verstehen bedeutet, dass in unserem Denken letztlich jede begrenzte, konventionelle Anschauung aufgelöst und überschritten wird.

Im Tierkreis beherrscht die Venus den Stier und die Waage. Im Sinne des Stiers gehört sie zur sinnlich erfahrbaren Welt, im Sinne der Waage zum Geistigen. Damit ist die Venus sowohl konkret sichtbar als auch Abbild des Unsichtbaren. Wie eine Skulptur, die als reales Objekt existiert und eine Idee oder Bedeutung in sich trägt, die geistiger Art ist und aus dem Unsichtbaren kommt. Die Venus verbindet das Sichtbare mit dem Unsichtbaren. Auf der alchemistischen Wandlungsstufe der Rubedo wird die Venus dem dritten Auge zu geordnet. Auch aus astrologischer Sicht entspricht die Venus als Göttin der Liebe und der Schönheit einer sehr hoch entwickelten Sicht auf die Wirklichkeit. Sie eröffnet uns eine sehr umfassende und weite Perspektive.

Alles Gute - Vinzent Liebig
 

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